Praxisalltag

Selbstständigkeit Arzt – zwei Seiten einer Medaille

An den Hausarzt „werden von unheimlich vielen Seiten Erwartungen herangetragen“, die sich dann oft widersprächen.

© Sneksy – istockphoto.com

Zwei Seiten einer Medaille spiegelt das Wirken als niedergelassener Arzt wieder: Das glänzende Berufsbild und das gleichzeitig weniger Attraktive dieser segensreichen Tätigkeit. Beispiele der Vor- und Nachteile liefern die Fachmedien ständig, wie jüngst wieder: „Mut zur eigenen Praxis zahlt sich aus“, titelte kürzlich die Ärzte Zeitung (27.04.2018). Die Entscheidung für eine Praxis zahle sich angeblich in barer Münze aus. Doch wer sich für die Niederlassung entscheide, müsse zwar tapfer sein, doch sie und er brauche wirtschaftlich die Zukunft nicht zu fürchten.

Die Insolvenzrate von Vertragsärzten in Deutschland betrage nur 0,04 Prozent, heißt es mit Hinweis auf Statistiken der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank). So seien z.B. im Jahr 2016 lediglich 47 Praxen in ganz Deutschland „pleite“ gegangen. „In eigener Praxis zu arbeiten ist nicht nur schön, sondern auch lohnenswert“, ermutigte apoBank-Repräsentant Ingo König (Magdeburg) werdende Ärzte und Zahnärzte zur Selbstständigkeit, zumal sich die Umsätze z. B. für Hausärzte in den vergangenen zehn Jahren überdurchschnittlich entwickeln. Die Steigerungen lägen deutlich über der Teuerungsrate. Ärzte müssen sich also nicht vor einer eigenen Praxis fürchten. Dennoch seien die Entscheidung dafür und die weiteren Schritte „oft alles andere als leicht“, schränkte er ein.

In der Tat: Einerseits garantiert die vertragsärztliche Tätigkeit, wenn der Patientenstamm stimmt, ein regelmäßiges Einkommen, doch die Realität steht für den Arzt auf einem anderen Blatt. Die apoBank spricht zwar von einem Umsatz von 290.000 Euro allein im ersten Jahr einer Hausarztpraxis, doch die Facetten des ärztlichen Engagements werfen auch Schatten, wie oft extrem hohe Arbeitsbelastung und das ständige Ringen mit der ausufernden Bürokratie.

Dr. Sandra Masannek, Fachärztin für Allgemeinmedizin in Simmerath bei Aachen, klagte kürzlich (23.05.2018) in einem Interview mit DocCheck (Original-Wortlaut siehe Internet-Adresse am Schluss) ihr Leid und spricht damit sicherlich für die meisten aus ihrer Kollegenschaft: Auf gesundheitspolitischer Ebene sei insbesondere der Hausarzt „so ein bisschen der Fußabtreter der Nation“, sagt die Ärztin. An den Hausarzt „werden von unheimlich vielen Seiten Erwartungen herangetragen“, die sich dann oft widersprächen. Als markantes Beispiel nennt Sandra Masannek das Verordnen von Antibiotika. Die sollten zwar nicht verschrieben werden, wenn sie nicht indiziert seien, was verständlich und medizinisch richtig sei. „Der Patient kommt aber mit der Erwartung: Schnell Antibiotika, schnell fit, der Arbeitgeber hängt ihm im Nacken und er soll schnell wieder arbeiten“. Sie könne dann versuchen, dem Patienten ihre Haltung zu erklären. „Doch dafür brauche ich viel Zeit, ich hab‘ aber viele Leute im Wartezimmer, das passt also wieder nicht zusammen.“

Die Hausärztin nennt ein weiteres, hier zitiertes Beispiel für eine gewisse Schieflage im System, und zwar vor dem Hintergrund langer Anfahrtswege auf dem Land: „Kürzlich kam ein Patient, war wegen Bizepssehnenruptur am Arm operiert worden, der brauchte Physiotherapie. Wir haben genau zwei Orthopäden hier, Termin in vier Monaten. Der braucht seine Physiotherapie aber jetzt. Das heißt: Unser Budget wird entweder belastet mit der Physiotherapie oder wir müssen ihn irgendwie wieder in die Warteliste kriegen. Entweder ich hänge mich ans Telefon oder ich lass meinen Patienten hängen oder ich belaste mein Budget, mit etwas, das eigentlich orthopädisch ist und uns damit wirtschaftlich auf die Füße fällt“.

Dennoch sei ihr Beruf als Hausarzt den Medizinstudenten zu empfehlen, meint die Ärztin, weil dieser aufgrund der medizinischen Breite gewissermaßen „die Essenz“ des Arztberufes sei. Das deckt sich mit der Aussage der apoBank, die aufgrund einer „verlässlichen Umfrage“ feststellt, dass „mehr als 90 Prozent aller niedergelassenen Ärzte immer wieder in die Selbstständigkeit gehen würden. Zu diesem positiven Bild trägt der derzeitige Trend bei, dass die Medizin stetig ambulanter wird. Nach Berechnungen des Zentralinstituts für kassenärztliche Versorgung (Berlin) sind bundesweit die ambulanten Leistungen um sechs Prozent gestiegen, während die Bettenbelegungstage in Kliniken und Krankenhäusern gleichzeitig um fünf Prozent gesunken sind (Quelle: Presseinformation des Instituts vom 02.05.2018).

Das Interview mit Hausärztin Sandra Masannek im Original:
http://news.doccheck.com/de/210756/hausaerzte-fussabtreter-der-nation/

Hinterlassen Sie einen Kommentar