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Schmerzmediziner contra „Leitlinienkultur“

Nötig sei es hingegen, eine Brücke zwischen individuellem Anspruch und wissenschaftlichem Standard zu schlagen.

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Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) wendet sich vehement gegen eine, wie die DGS meint, „Leitlinienkultur“ in der Therapie ihrer Patienten. „Wir wollen von dieser Leitlinienkultur zurück zu einer ärztlichen Kunst, bei der Raum ist für Intuition –und auch für Irrationalität“, so DGS-Präsident Dr. Johannes Horlemann Anfang März auf dem 30. Deutschen Schmerz- und Palliativkongress in Frankfurt/Main. Das dreitägige Symposium stand unter dem Motto „Individualisierung statt Standardisierung.“ Mit rund 4.000 Mitgliedern ist die DGS der größte Zusammenschluss praktisch tätiger Schmerztherapeuten in Europa. Seit über 25 Jahren setzen sich diese für eine bessere Diagnostik und Therapie chronischer Schmerzen ein.

„Die Skepsis gegenüber Leitlinien, die allein auf randomisierten, klinischen Studien basieren, wächst“, sagte Johannes Horlemann, FA für Allgemeinmedizin mit Schwerpunkt Schmerzmedizin in Kevelaer/Niederrhein. Die meisten Kollegen fürchteten zu Recht die Leitlinienflut, meinte er. Leitlinien seien „zum akademischen Selbstzweck“ geschrumpft. Nötig sei es hingegen, eine Brücke zwischen individuellem Anspruch und wissenschaftlichem Standard zu schlagen. „Alles, was beweisbar ist, ist wichtig für die Schmerzmedizin“, betonte Johannes Horlemann. „Wir müssen zurückkehren zur ärztlichen Kunst des Fragens, Zuhörens und der Empathie.“

Die DGS verabschiedete Thesen zur ärztlichen Entscheidungsfindung in der Schmerzmedizin. Darin werden die Leitlinien, die nach DGS-Auffassung auf eine Vereinheitlichung ärztlicher Entscheidungsprozesse abzielten, als „wertlos in der Versorgung“ bezeichnet. Denn im Praxisalltag würden verordnende Ärzte bei jeder Abweichung vom Standard verunsichert und müssten ihre Entscheidungen rechtfertigen. Das gelte vor allem mit Blick auf die bundesweit rund 3,4 Millionen Patienten mit schweren, chronischen Schmerzen. Diese würden in den bisherigen Leitlinien zu wenig abgebildet. In diesem Zusammenhang sieht die Fachgesellschaft „mit großer Skepsis“ Bestrebungen, im geplanten Arztinformationssystem Leitlinien direkt in die Praxissoftware der Vertragsärzte zu implantieren.

Die DGS möchte mit eigenen Praxisleitlinien gegensteuern, so jüngst zum Einsatz von Cannabis in der Schmerzmedizin oder zur opioidinduzierten Obstipation. Effekte der Versorgung will die DGS anhand von Daten aus eigenen Behandlungsregistern nachvollziehen. Ende 2014 hat die Fachgesellschaft dafür ein „iDocLive“ genanntes Onlinewerkzeug etabliert. Dort seien mittlerweile 223.000 Behandlungsdaten dokumentiert, mit denen die Individualität der Schmerzpatienten erfasst sei. 545 Ärzte und mehr als 2.200 Fachangestellte nutzen aktuell diese Online-Plattform. Diese begründe sich darin, dass „trotz evidenzbasierter Leitlinien noch lange nicht alles gesagt sei“, so der Vorsitzende der Deutschen Schmerzliga (DSL) und DGS-Vizepräsident Dr. Michael A. Überall (Nürnberg). Noch immer könne nicht allen Patienten geholfen werden, denn es ließen sich „in monomorbiden Leitlinien multimorbide Patienten nicht darstellen“. Die individuellen Bedürfnisse von Schmerzpatienten entsprächen einfach nicht der Evidenz.

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