Praxisalltag

Praxisabgabe – langfristige Strategie ist angesagt

An der Schwelle zum Ruhestand wird es immer schwieriger, die Praxis zu verkaufen.

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Die niedergelassene Ärzteschaft steht vor einem Generationenwechsel, denn jeder dritte Arzt ist mittlerweile 60 Jahre alt, so die Bundesärztekammer. Doch an der Schwelle zum Ruhestand wird es immer schwieriger, die Praxis zu verkaufen. Es gibt zu wenige Nachfolger. Die neue Ärztegeneration folgt eher dem Trend in Richtung MVZ oder Berufsausübungsgemeinschaft. Die eigentliche Selbstständigkeit als einzelner Niedergelassener hat an Attraktivität verloren. Michael van den Heuvel vom Ärzteportal DocCheck (Online 11. Januar 2018) fasst die Situation an Beispielen zusammen. Die befragten Ärzte berichten übereinstimmend, dass die Einzelpraxis an Attraktivität eingebüßt hat. Auch eine Studie der apobank hat ergeben, dass die Tätigkeit in Berufsausübungsgemeinschaften und das Angestelltenverhältnis für Ärzte erheblich zunehmen wird. PERSPECTIV zitiert hier den DocCheck-Artikel in gekürzter Form:

Für Dr. Hubertus Koenen aus Titz-Müntz (Nordrhein-Westfalen) gewinnen größere Gemeinschaftspraxen in Zukunft an Bedeutung, doch „ohne langfristige Strategie gelingt der Übergang nur selten“, weiß er zu berichten. Gemeinschaftspraxen bieten generell unterschiedliche berufliche Perspektiven, je nach Lebensplanung: Es gibt neben dem Inhaber angestellte Ärzte mit geregelten Arbeitszeiten. Auch Koenen ist vom Inhaber zum Angestellten geworden. Er verkaufte seine hausärztliche Praxis vor drei Jahren ohne Probleme. Das kam so: „Seit 1990 hatte ich immer ärztliche Weiterbildungsassistenten. Und ich konnte das bekannte Vorurteil an Unis, Allgemeinmedizin sei furchtbar, in meiner Praxis korrigieren.“ Durch Lehraufträge an zwei Hochschulen stand er immer mit angehenden Ärzten in Kontakt. „Ich hatte somit kein Problem, Nachfolger zu finden“, erzählt Koenen. Ein früherer Weiterbildungsassistent ist Inhaber geworden. Über Kollegen, die erst mit 65 Jahren langsam beginnen, Käufer zu suchen, vorher keine Kontakte aufgebaut haben und potenziellen Interessenten eröffnen, dass sie noch einige Jahre gleichberechtigt mitarbeiten wollen, kann er sich nur wundern.

„Ich habe seit 2002 niedergelassen in eigener Praxis gearbeitet, meine Praxis aber zum September 2018 aufgegeben“, erzählt der Neurochirurg Dr. Martin Gliese (59) im Gespräch mit DocCheck. „Meine Hauptgründe waren die Veränderungen der letzten Jahre im Gesundheitssystem, insbesondere die aktuelle Politik von Jens Spahn und die Angriffe auf den Datenschutz.“ Martin Gliese spricht von „Ärztefeindlichkeit“ sowie von „fehlender Unterstützung durch Politiker und KVen bei der Praxisführung und Telematik-Infrastruktur“.

„Das wollte ich nicht mehr mitmachen, und ich habe meine Praxis an ein MVZ verkauft“, berichtet Martin Gliese. Als Vorlaufzeit gibt er anderthalb Jahre an. „Man braucht Zeit dafür, das geht nicht von heute auf morgen“, sagt er. Ihm war es ein Anliegen, dass der Nachfolger sozial verträglich alle Arbeitsverhältnisse seiner Angestellten übernimmt. Gliese selbst arbeitet bis zum Ruhestand noch ein paar Jahre im Krankenhaus. „Ich würde allen Ärzten, die sich selbstständig machen wollen, raten, sich gut zu überlegen, ob sie sich in diesem staatlichen Gesundheitssystem wiederfinden und weiterarbeiten möchten.“ Besser sei es, über berufliche Alternativen nachzudenken. „Die Honorare aus unserem GKV-System sind immer weniger geworden, die erbrachten Leistungen werden schon seit Jahren nur noch zu 70 bis 80 Prozent von der KV abgerechnet bzw. vergütet, und seit etwa fünf Jahren können wir damit nicht mehr kostendeckend arbeiten.“ Gut laufende Praxen „leben ja nicht vom GKV-System allein, sondern von Privatversicherten, von Kooperationen mit Krankenhäusern etc.“, sagt Gliese.

Mit einem MVZ hat der Chirurg Michael Rost (68) bereits Erfahrungen gemacht: „Nach meinem 60. Lebensjahr erreichten mich über Rechtsanwälte öfters Anfragen von Ärzten, die Interesse an einer Übernahme hatten.“ Rost war seit 1988 Inhaber einer chirurgischen Einzelpraxis. „Den Kollegen ging es aber nur darum, meine Zulassung zu übernehmen, sie wollten die Praxis nicht weiterführen.“ Auch über den Preis habe man sich nicht verständigen können. Annoncen in der Fachliteratur brachten keinerlei Resonanz. Schließlich zeigte ein Krankenhaus Interesse. Es bot an, Rosts Praxis mit allen Angestellten und allen Unterlagen in ein MVZ zu übernehmen. Rost selbst wurde vom Inhaber zum Angestellten, was er bis heute nicht bereut: „Die wirtschaftlichen und haftungsrechtlichen Rahmenbedingungen sind so extrem geworden, dass ich niemandem raten würde, das Risiko einer eigenen Praxis auf sich zu nehmen“, so Rosts Fazit als Chirurg. „Wir haben als Niedergelassene nur noch Pflichten, aber keinerlei Rechte.“ Alternativ auf Privatpatienten zu setzen und auf sichere KV-Honorare zu verzichten, sei eine riskante Strategie. Nicht an jedem Standort sei die Klientel vorhanden.

(vgl. Sie zu diesem Bericht:  Wie ist Ihr Praxiswechsel gelaufen?PERSPECTIV Dezember 2017)

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