Praxisalltag

Behandlungsliege birgt Sturzrisiko – zu Vorsichtsmaßnahmen wird geraten

„Ich als behandelnder Arzt stand zu weit weg, um rechtzeitig eingreifen zu können“.

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Vor allem ältere Patienten benötigen eine beobachtende und möglichst aktive Hilfestellung beim Ersteigen oder Verlassen der Behandlungsliege. Mitarbeiter und Ärzte sollten auf ein erhöhtes Sturzrisiko achten und durch eine entsprechende Dokumentation in der Praxis hingewiesen werden. Das geriatrische Basisassessment z.B. sieht solche Vorsichtsmaßnahmen vor. Falls in Praxen noch eine Papierdokumentation geführt wird, kann das mögliche Risiko vorne auf der Patientenkarte vermerkt werden. Je nach Praxissoftware ergeben sich verschiedene Möglichkeiten, wichtige Hinweise so einzugeben, dass sie allen Mitarbeitern beim Patientenkontakt direkt ins Auge fallen. Innerhalb der Praxis sollte verabredet sein, welche Warnhinweise an welcher Stelle dokumentiert werden sollen. Außer der Sturzneigung bei geriatrischen Patienten können z.B. auch Neigung zu Synkopen beim Impfen oder bei Blutentnahmen an einer prominenten Stelle in der Patientenakte dokumentiert werden.

Ein niedergelassener Arzt berichtete kürzlich in cirsmedical.de* (10/2018) aus einer internistischen Praxis: Beim Ersteigen der Liege für die Ultraschalluntersuchung verlor die ältere Patientin das Gleichgewicht und stürzte kopfüber auf den Boden. „Ich als behandelnder Arzt stand zu weit weg, um rechtzeitig eingreifen zu können“. Der Internist berichtete, dass er die Patientin bezüglich der Sicherheit ihrer Mobilität falsch eingeschätzt hatte. In den wenigen Sekunden, in denen sie zur Liege ging und hinaufstieg, habe er wegen der PC-Eingabe die Frau „kurz aus den Augen verloren“. Diese erlitt eine Kopfplatzwunde. Die Blutung wurde lokal gestillt und die Patientin dann notfallmäßig per KTW in das Krankenhaus gebracht und genäht.

Tipp zur Vermeidung eines solchen Vorfalls: Die Patienten auf dem Weg vom Stuhl auf die Liege nicht aus den Augen lassen und zur Hilfe bereitstehen oder schon vorher von der MFA die Patienten auf die Liege verbringen lassen. „Banal“, könnte man denken. Doch im Praxisalltag ertappt man sich nach der Lektüre dieses Artikels sicherlich dabei, die Liege vor jeder Untersuchung auf Standfestigkeit zu prüfen und insbesondere ältere Patienten beim Lagern auf die Liege nicht mehr aus den Augen zu lassen. – In den Praxen sind die Untersuchungsliegen zwischen 65 und 70 cm hoch und selten höhenverstellbar. Für die meisten Menschen ist diese Höhe kein Problem, für Patienten wie in dem geschilderten Beispiel möglicherweise doch.

Auch dieser Faktor spielt eine Rolle: In der Regel betreten die Patienten einen abgedunkelten Raum zur Sonographie. Insbesondere ältere Patienten dürften über die erschwerte Anpassung an Hell und Dunkel ein Problem bekommen. Der Sono-Raum sollte somit ausreichend beleuchtet sein, solange sich der Patient im Raum bewegt.

Der Liegevorgang birgt also die Gefahr

  • der Instabilität für das Gleichgewicht durch Einschränkung der occulären Kontrolle,
  • die altersbedingte Einschränkung der Halte- und Stellreflexe zum Ausgleich der Instabilität,
  • eines altersbedingten Muskelkraftverlustes

Und noch etwas: Beim Aufstehen aus der Liegeposition besteht insbesondere nach Schilddrüsen- oder anderen Untersuchungen der Halsregion infolge des Drucks auf die Barorezeptoren an der Carotis mit nachfolgendem Puls-und Blutdruckabfall und entsprechender Schwindelsymptomatik eine ähnliche Gefahr für das Gleichgewicht.

*CIRSmedical.de ist das Berichts- und Lernsystem der deutschen Ärzteschaft für kritische Ereignisse in der Medizin. „CIRS“ steht für Critical Incident Reporting-System. Es ist anonym und sicher und ermöglicht gegenseitiges Lernen aus Fehlern und kritischen Ereignissen. Es richtet sich an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitswesens.

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