Praxisalltag

Behandlungsfehler – eine halbe Million Euro Schmerzensgeld

Eigenes Archiv

Die Gesamtzahl gutachterlich festgestellter Behandlungsfehler mit Wiedergutmachungsansprüchen ist in Deutschland laut Ärztekammern zwar innerhalb eines Jahres – wie bereits in den Vorjahren – erneut stark zurückgegangen (2017: 2.213 auf 1.858 in 2018), doch ragen gelegentlich besonders schwere Fälle heraus. So muss aktuell ein Hausarzt den Hinterbliebenen eines Patienten, der durch einen ärztlichen Behandlungsfehler schwer geschädigt worden war und seinen Leidensprozess durch ärztlich begleiteten Freitod beendet hatte, 500.000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Der Bundesgerichtshof (Az.: VI ZR 355/18) hat Ende März 2018 die Beschwerde des Hausarztes gegen Nichtzulassung der Revision gegen ein entsprechendes Urteil des Oberlandesgerichts Celle (Az.: 1 U 71/17) zurückgewiesen. Damit sind das OLG-Urteil bzw. die voraus gegangene Entscheidung des Landgerichts Lüneburg (Az.: 2 O 157/16) rechtskräftig, so eine OLG-Pressemitteilung.

Nach Feststellung der Gerichte hatte der beklagte Arzt dem damals 50 Jahre alten Patienten, der aufgrund langjährig bestehender Bandscheibenschäden unter akuten Rückenschmerzen litt, binnen einer Woche viermal die Wirkstoffe Prednisolon und Diclofenac gleichzeitig in die Gesäßmuskulatur injiziert. Einige Stunden nach Verabreichung der vierten Spritze kollabierte der Patient zu Hause. Er wurde mit Schüttelfrost, Atemschwierigkeiten und Schmerzen als Notfall im Krankenhaus aufgenommen, wo er intensivmedizinisch behandelt wurde. Auslöser des Kollapses war ein schwerer septischer Schock, der multiples Organversagen und schließlich dauerhaft eine weitgehende Körperlähmung bewirkte.

Ursache der Sepsis war– wie sich später herausstellte – ein Spritzenabszess. Dem Urteil zufolge war das septische Infektionsgeschehen für die Ärzte im Krankenhaus nicht zu beherrschen gewesen. Es schloss sich ein mehr als ein Jahr andauernder dramatischer Leidensprozess an. Der Patient musste ohne Aussicht auf Besserung dauerhaft künstlich beatmet werden und blieb weitgehend gelähmt. Am Ende stand der ärztlich begleitete Freitod. Zuvor habe der Patient über Monate hinweg seinen Sterbewunsch geäußert und diesen auch in Ethikgesprächen mit den behandelnden Ärzten bekräftigt, teilte der Gerichtssprecher mit.

Der Patient war verheiratet und hinterlässt drei minderjährige Kinder; diese Hinterbliebenen machten als Erbengemeinschaft vor dem Landgericht (LG) Lüneburg gegenüber dem Hausarzt Ansprüche auf Schmerzensgeld geltend. Das LG ließ sich bei der Prüfung des Falls von einem medizinischen Sachverständigen beraten und kam zum Ergebnis, dass die ärztliche Behandlung grob fehlerhaft gewesen sei. Die intramuskuläre Injektion der beiden Präparate widerspreche dem fachlichen medizinischen Standard sowie den gängigen Leitempfehlungen. Der Hausarzt müsse den Klägern deshalb ein Schmerzensgeld in Höhe von 500.000 Euro zahlen.

Der Hausarzt legte erfolglos Berufung ein. Der 1. Zivilsenat des OLG Celle bestätigte die erstinstanzliche Entscheidung. Das LG Lüneburg habe auf Basis des Sachverständigengutachtens mit Recht die Injektion der Medikamente als groben Behandlungsfehler gewertet. Es komme auch nicht darauf an, ob der Patient vor Verabreichung der Injektionen in diese eingewilligt habe, weil eine kontraindizierte Behandlung nicht durch eine Einwilligung gerechtfertigt werden könne. Dass der dramatische Krankheitsverlauf ungewöhnlich und nicht vorhersehbar gewesen sei, stehe der Haftung des Hausarztes ebenfalls nicht entgegen. Der OLG-Senat hielt die Höhe des Schmerzensgeldes für angemessen, da das extreme Leiden des Verstorbenen berücksichtigt werden müsse.

OLG-Originalmitteilung:
http://www.oberlandesgericht-celle.niedersachsen.de/aktuelles/pressemitteilungen/-500000-schmerzensgeld-fuer-aerztlichen-behandlungsfehler-175435.html

Hinterlassen Sie einen Kommentar