Medikation

Neuer Rahmenvertrag für Arzneimittel-Abgaben in der Apotheke

Voraussichtlich mehr Rücksprachen mit den Arztpraxen erforderlich.

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Nach fünfjährigen Verhandlungen gilt seit dem 01.07.2019 für die Abgabe von Arzneimitteln in der Apotheke der geänderte Rahmenvertrag, der die zentrale Grundlage für die Erfüllung von GKV-Rezepten darstellt. Das Vertragswerk basiert auf § 129 Absatz 2 SGB V. Es wurde zwischen dem GKV-Spitzenverband und dem Deutschen Apothekerverband e. V. geschlossen. Insbesondere bei der Arzneimittelauswahl gibt es nun etliche Neuerungen gegenüber dem bisherigen Vertrag. Grundsätzlich setzt die Abgabe von Arzneimitteln zu Lasten der Kassen eine ordnungsgemäße vertragsärztliche oder zahnärztliche Verschreibung zum Zeitpunkt der Rezepteinreichung in der Apotheke voraus. Liegt die Verordnung nicht vor, darf keine Arzneimittelabgabe erfolgen.

Heftige Kritik am Rahmenvertrag kam aus den Reihen der Apotheker. Viele beklagen, dass vor allem die Versorgung der Patienten im Generikabereich zu kompliziert sei und sich in vielen Fällen als unmöglich herausstelle, kommentierte der Chefredakteur von DAZ-Online, Dr. Armin Edalat (Deutsche Apothekerzeitung digital v. 08.07.2019). Dafür seien „Lieferengpässe, strenge Softwareeinstellungen und die vielen Kostendämpfungsinstrumente des Regelwerks“ verantwortlich. Dieses sei „zu kompliziert, unübersichtlich, zeitraubend“ meinte auch der Apotheker Reinhard Rokitta (Bünde/Westfalen), Vorsitzender Verein Freie Apothekerschaft. Es dürfe nicht sein, dass wegen möglicher „kleinkarierter Einsparungen für die Krankenkassen“ die Apotheken unbezahlt zusätzliche Zeit erbringen sollen. Der neue Rahmenvertrag falle komplett aus dem Rahmen einer ordentlichen Arzneimittelversorgung der Patienten.

Die wichtigsten Neuerungen für die Arzneimittelauswahl: Es wird nun zwischen „generischem Markt“ und dem „importrelevanten Markt“ unterschieden. Dabei ist die Abgabe eines namentlich verordneten Arzneimittels nur noch möglich, wenn der Arzt das Aut-idem-Kreuz gesetzt hat. In beiden Marksegmenten sind jedenfalls bevorzugt Rabattarzneimittel abzugeben. Im Import-Markt hat die Apotheke die Auswahl zwischen Original und Import, beim Generika-Markt stehen Original, Generika und Importe zur Verfügung. Ein Arzneimittel muss – von der Software – dem einen oder anderen Markt zugeordnet werden. Welchem Markt ein abzugebendes Arzneimittel zuzuordnen ist, ist ausschlaggebend, weil die Zuordnung die Reihenfolge der Abgabe bestimmt.

Die Grundregel heißt: Über allem steht der Rabattvertrag. Verankert ist das in § 11 des neuen Rahmenvertrags. Greift kein Rabattvertrag, so gilt, dass die Apotheker zunächst im Generikamarkt den Bereich der preisgünstigsten Präparate „abklappern“. Wenn keine Alternativen zum Original in Form von Generika existieren, verweist die Software automatisch auf den Importmarkt. Dann darf das Original oder ein preisgünstigerer Import abgegeben werden. Grundsätzlich muss eines der vier preisgünstigsten Arzneimittel – bisher waren das drei – ausgehändigt werden, das nicht teurer als das verordnete Medikament sein darf. Ebenfalls möglich ist die Abgabe eines Arzneimittels unter Einhaltung des „Preisankers“, sprich des ärztlich verordnenden Originals. Der Preisanker darf jedenfalls nicht überschritten werden.

Der Arzt ist es also, der mit seiner Verordnung den Preisanker setzt und damit quasi die wirtschaftliche Verantwortung trägt. Wenn das abzugebende Präparat nicht teurer sein darf als das ärztlich konkret verordnete, kann es dazu führen, dass weniger Präparate zur Auswahl stehen, weil zum Beispiel das zweitgünstigste verordnet ist. Das dritt- und das viertgünstigste dürfte dann eigentlich nicht abgegeben werden. Der Preisanker gilt auch in Ausnahmefällen, also bei Nicht-Lieferbarkeit, in der Akutversorgung und bei pharmazeutischen Bedenken. In diesen Fällen darf nur nach Rücksprache mit dem Arzt ein Produkt abgegeben werden, das teurer als das verordnete Arzneimittel ist. Bei Wirkstoffverordnungen gilt kein Preisanker. Zudem ist neu: Zur Beurteilung, was preisgünstig ist, wird generell nicht mehr der AVP herangezogen, sondern der AVP abzüglich des Herstellerabschlags, wie es bei den Importen bisher schon üblich gewesen ist.

Hierzu ein Beispiel: Es liegt eine Verordnung aus dem Generikamarkt vor. Dafür gibt es jedoch keinen Rabattvertrag oder es ist dieser nicht erfüllbar. § 12 des Rahmenvertrags kommt zum Tragen. Es kann eines der vier preisgünstigsten Arzneimittel abgegeben werden. Das namentlich verordnete ist nicht mehr unbedingt dabei, nur wenn es zu den vier preisgünstigsten gehört. Ist keines der vier preisgünstigsten Mittel verfügbar oder geeignet, muss das nächstgünstigste abgegeben werden. Das muss der Apotheker nun mit der entsprechenden Sonder-PZN und den Defektbelegen dokumentieren. Auch diese Möglichkeit ist neu und sie wird künftig wichtig sein, weil das Einsparziel sonst kaum zu erfüllen sein dürfte. Auch wird die Nicht-Verfügbarkeit aufgrund des neuen Rahmenvertrags nun einfacher nachzuweisen sein. Es genügen zwei belegte Online-Anfragen beim Großhandel.

Voraussichtlich mehr Rücksprachen mit den Arztpraxen erforderlich

Nimmt der Arzt handschriftliche Änderungen auf einer Verordnung vor und zeichnet er diese nicht ab, muss die Apotheke Rücksprache mit dem Arzt halten und das Ergebnis mit Datum und Unterschrift vermerken. Wer keine Rücksprache hält, darf auch nicht versorgen, denn die Apotheke muss sicherstellen, dass die Änderungen nicht von einem Dritten vorgenommen wurden. So soll ein Arzneimittelmissbrauch ausgeschlossen werden. Auch jede Änderung des Rezepts durch den Apotheker muss von diesem mit Datumsangabe abgezeichnet werden.

Damit entfällt zwar das bislang oft lästige Rückreichen des Rezepts in die Praxis und die Neubestimmung mit der nötigen Unterschrift des Arztes, doch dafür gibt es bei der Neuregelung anderweitig Erschwernisse: Bei der Auswahl der abzugebenden Packungen ist nun jede Verordnungszeile einzeln zu betrachten und mit der jeweils verordneten Anzahl von Packungen zu beliefern. Dies wird einerseits als Erleichterung empfunden, andererseits jedoch sind einige Regeln für die Verordnungsweise der Packungsgrößen strenger gefasst worden. Deshalb kann es nun mehr Fälle an nicht eindeutigen Verordnungen geben, die als unklar gelten, und es werden für „Nachbesserungen“ voraussichtlich mehr Rücksprachen mit dem Arzt erforderlich sein als bisher. Klärungsbedarf ist z. B. dann erforderlich, wenn die Menge oder N-Bezeichnung keiner gelisteten Packungsgröße entspricht oder wenn sich die verordnete Menge und die N-Bezeichnung widersprechen. Teils sind die Probleme bei Stückzahl- oder N-Verordnung dadurch gelöst, dass den Ärzten verbindliche Vorgaben für die Praxissoftware gemacht wurden, wie die Angabe der PZN des verordneten Arzneimittels auf dem Rezept und die regelmäßige Aktualisierungspflicht der Daten.

Das DeutscheApothekenPortal stellt Arbeitshilfen zum Rahmenvertrag per Internet zur Verfügung:
https://www.deutschesapothekenportal.de/rezept-retax/dap-retax-arbeitshilfen/

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