Medikation

Ärztliche Info-Pflicht bei Mehrkosten

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Seit dem 2006 eingeführten Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz (AVWG) und mit Einführung von Festbeträgen für Medikamente müssen Ärzte die Patienten darüber aufklären, dass sie in der Apotheke möglicherweise nicht nur eine Zuzahlung, sondern auch noch die Differenz zum Festbetrag bezahlen müssen. Denn außer der herkömmlichen Zuzahlung muss ein Patient auch den Betrag bezahlen, den ein Arzneimittel mehr kostet als die von den Kassen festgesetzte Obergrenze. Ein Beispiel: Ein Arzneimittel kostet 75 Euro mit einem Festbetrag von 70 Euro. Ein Patient zahlt dann außer sieben Euro Zuzahlung entsprechend zehn Prozent des Festbetrags, weitere fünf Euro entsprechend der Differenz zum Festbetrag. Doch nur über diese Mehrkosten in Höhe von fünf Euro ist ein Patient extra zu informieren. So steht im Paragraph 73 Absatz 5 Satz 3 im SGB V: “Verordnet der Arzt ein Arzneimittel, dessen Preis den Festbetrag (…) überschreitet, hat der Arzt den Versicherten über die sich aus seiner Verordnung ergebende Pflicht zur Übernahme der Mehrkosten hinzuweisen.”

Doch obwohl bereits fast zehn Jahre bestehend, ist diese gesetzliche Informationspflicht nicht wenigen Vertragsärzten unbekannt oder sie wird eher im Praxisalltag schlichtweg vergessen, zumal für den Arzt nicht auf Anhieb oder nur schwer erkennbar ist, wenn auf einen Patienten die Mehrkostenübernahme in der Apotheke zukommt. Übrigens gilt das auch für privatärztliche Verordnungen, denn auch Privatkassen belasten den Patienten je nach seinem Vertragsverhältnis mit der Übernahme von Mehrkosten bzw. Abzügen bei der Erstattung. Doch der Arzt kann erst recht beim Privatpatienten in der Regel nicht wissen, ob und was dieser draufzahlen muss.

Einerseits tröstlich, andererseits ärgerlich: Der Arzt wird nicht dafür „bestraft“, wenn er die Aufklärungspflicht bewusst oder unbewusst nicht einhält. Jedoch handelt er sich in nicht wenigen Fällen Ärger mit Patienten und/oder Apothekern ein. Diese beklagen sich nicht selten darüber, wenn ein Patient sich bei der Bezahlung eines Medikaments über den verlangten Mehrpreisausgleich wundert. „Hat Ihnen das Ihr Arzt nicht gesagt?“, heißt es dann vom Apotheker, und der nächste Arztbesuch des Patienten ist vielleicht von dessen Kritik begleitet.

Zur Verwirrung trägt zudem bei, dass Rabattverträge von Kassen mit Arzneimittelherstellern auch die Differenz zum Festbetrag umfassen können; mehrkostenablösender Vertrag nennt sich das. Ohne dass ein Hersteller den Preis seines Arzneimittels senken muss, entfällt dann für Patienten die Zahlung des Differenzbetrages zum Festbetrag. Wenn das der Fall ist, muss ein Arzt nicht mehr über die zusätzlichen Kosten aufklären. Hierzu muß der Arzt aber wissen, welche Hersteller mit welchen Krankenkassen Verträge geschlossen haben. Ob die Praxissoftware diese Informationen zeitnah oder überhaupt hergibt, ist fraglich. Liegen diese Informationen nicht vor, wird der Arzt weiter über die Zuzahlungspflicht informieren müssen.

Die Liste der Festbeträge wird ständig aktualisiert und vom DIMDI veröffentlicht (Adresse untenstehend). Wenn der Patient zum Zeitpunkt der Verordnung nicht mit den Mehrkosten einverstanden ist, kann nach einer preislich günstigeren Alternative gesucht oder ihm je nach Indikation überzeugend angeraten werden, dass das betreffende Arzneimittel wichtig für die Therapie ist und er deshalb die Mehrkosten akzeptieren sollte. Auch ein privat Versicherter muss darauf hingewiesen werden, dass seine Kasse eventuell den Preis für ein verordnetes Arzneimittel nicht komplett erstattet. Das hängt jedoch in der Regel von der jeweiligen Tarifsituation ab. Der Hinweis für den Privatpatienten könnte lauten: „Möglicherweise erstattet Ihre Kasse nicht den gesamten Preis des Medikaments; falls das problematisch für Sie ist, sollten Sie das mit Ihrer Versicherung abklären. Eventuell könnten wir dann auf ein anderes Medikament ausweichen.“

Liste der Festbeträge, DIMDI, Stand: 01.10.2015:
https://www.dimdi.de/dynamic/de/amg/festbetraege-zuzahlung/festbetraege/downloadcenter/2015/oktober/10-01/festbetraege-20151001.pdf

Ein Kommentar

  • Hallo,
    ich habe ein Privatrezept bei einer Internetapotheke eingereicht über ein Medikament, dass ich seit Jahren nehme. Ich habe die Rechnung bei der Krankenkasse eingereicht und habe anstatt 203 € nur 74 € erstattet bekommen, ohne dass man mich in Kenntnis gesetzt hat, dass es jetzt ab Januar einen Festbetrag gibt, ich muss jetzt über 128 € zubezahlen, ich hätte unter den Umständen auf die Lieferung verzichtet, wusste es ja aber nicht! wer haftet jetzt dafür?
    Für eine Info wäre ich sehr dankbar, vielen Dank!

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