Gesundheitspolitik

Notfallversorgung: Nur rund die Hälfte der Patienten sind echte Notfälle

Mit der Reform der Notfallversorgung und des Rettungsdienstes werden die bisherigen Zuständigkeiten und Strukturen verändert.

© Maren Winter – stock.adobe.com

Viele Patienten nutzen die klinischen Notfallzentralen unnötig und ohne medizinisch dringenden Anlass. Nach einer Statistik des Zentralinstituts für kassenärztliche Versorgung (kurz: Zi) hätten nur die Hälfte der 2018 tagsüber in den Notaufnahmen behandelten Patienten als Notfall versorgt werden müssen. Mit der Reform der Notfallversorgung und des Rettungsdienstes werden die bisherigen Zuständigkeiten und Strukturen verändert. Mit einer Reform des Notfallsektors möchte Gesundheitsminister Jens Spahn jetzt in erster Linie die Krankenhäuser entlasten. So wird auch eine Grundgesetzänderung mit dem Ziel beabsichtigt, dass nicht mehr die Bundesländer allein für den Rettungsdienst zuständig sind.

Während der Praxisöffnungszeiten sind in Deutschland 2018 insgesamt 4,42 Millionen Patienten in den Notaufnahmen der Krankenhäuser versorgt worden, so das Zi. Mit 45,6 Prozent der Fälle standen traumatologische Behandlungsanlässe (Verletzungen und Wunden) an der Spitze, vor Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems (4,9 Prozent) und Erkrankungen des Urogenitalsystems (1,8 Prozent). Patienten mit Rückenbeschwerden (8,9 Prozent), mit Magen-Darm-Erkrankungen (8,2 Prozent) und mit fiebrigen Infekten der oberen Atemwege (6,6 Prozent) wären gut von Vertragsärztinnen und -ärzten zu behandeln gewesen. Insgesamt sind das rund 24 Prozent der Patienten. Aus den übrigen Diagnosen (23,9 Prozent) ergibt sich ein uneinheitliches Bild. Experten schätzen jedoch, dass zwischen 30 und 50 Prozent der in den Kliniken ambulant behandelten Notfallpatienten durch niedergelassene Haus- oder Fachärztinnen und -ärzte hätte behandelt werden können. Das wären 2 bis 2,5 Millionen Patientinnen und Patienten pro Jahr, die zu niedergelassenen Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen gesteuert werden müssten.

Abzuwarten ist jetzt, wie sich das Angebot der KVen auswirkt, die ärztliche Bereitschaftsdienstnummer 116117 ab dem 1. Januar 2020 rund um die Uhr zu schalten und Patientinnen und Patienten mit akuten Beschwerden nach einer strukturierten medizinischen Ersteinschätzung ein zeitgerechtes Versorgungsangebot zu vermitteln. Im ärztlichen Bereitschaftsdienst, also außerhalb der Praxisöffnungszeiten, ist es den KVen bereits gelungen die Zahl der ambulanten Behandlungen in Krankenhausnotaufnahmen seit 2016 wieder zu senken. Diese sind zwischen 2016 und 2018 um rund 222.000 Fälle zurückgegangen. Gleichzeitig sind die durch niedergelassene Haus- und Fachärztinnen und -ärzte im Bereitschaftsdienst behandelten ambulanten Notfälle von 2015 bis 2018 kontinuierlich um rund 360.000 Fälle angestiegen.

KBV-Vorsitzender Andreas Gassen und dessen Vize Dr. Stephan Hofmeister warnten vor der Einrichtung eines dritten Sektors zwischen ambulant und stationär für die Notfallversorgung. Mit großen Anstrengungen werde gerade die Telefonnummer und App 116117 zu einem umfassenden Notfall- und Bereitschaftskontakt ausgebaut, und die KVen in Deutschland betreiben bereits mehr als 600 Bereitschaftsdienst- oder Portalpraxen, hieß es von der KBV-Führung. „Wir müssen es schaffen, dass die Patienten unter der 116117 den Bereitschaftsdienst anrufen, bevor sie sich in die Rettungsstelle setzen, damit wir sie steuern können“, sagte KBV-Chef Gassen in einem Zeitungsinterview (vgl. shz-Ausgaben v. 7.9.2019). Es gelte nun, die bereits vorhandenen Strukturen sinnvoll zu integrieren statt zusätzliche Wege zu schaffen.

Die Reformpläne sehen vor, dass es künftig eine einheitliche Leitstelle und dazu Integrierte Notfallzentren (INZ) oder Gemeinsame Notfall-Leitstellen (GNL) geben soll, die Hilfesuchende effizienter an die richtige Stelle lotsen, also ins Krankenhaus oder zu niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten. Denn es gehen viele Menschen mit gesundheitlichen Problemen direkt in die klinischen Notfallaufnahmen, obwohl sie bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten besser aufgehoben wären. Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin Uwe Janssens sagte kürzlich z. B. gegenüber ZEIT online: „Grippe, Schnittverletzungen und andere eher banale Erkrankungen sind hier nicht selten“. Und Minister Spahn stellte fest: „Dadurch sind die Wartezeiten für solche Patienten, die dringend auf eine Behandlung angewiesen sind, häufig in den Notfallambulanzen zu lang.“ Es sei sogar leider fast die Regel, dass „sogar ein Sicherheitsdienst notwendig ist bei vielen Notfallambulanzen, um dort überhaupt für etwas Ruhe zu sorgen.“ Mit jährlich rund elf Millionen ambulanten Notfällen in den Krankenhäusern bei steigender Tendenz könnten den Patienten etwa durch den Bereitschaftsdienst besser geholfen werden.

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