Gesundheitspolitik

KBV warnt vor Verordnungssteuerung durch AIS

Der Entwurf zum AIS sieht unter anderem vor, welche Mindestangaben zu nutzenbewerteten Arzneimitteln in der Praxissoftware enthalten sein müssen.

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Eine echte Verordnungshilfe statt einer Verordnungssteuerung erwartet die KBV nach eigenen Angaben vom geplanten Elektronischen Arztinformationssystem (AIS). Forderungen des Bundesgesundheitsministeriums, dass Ärzte dokumentieren sollen, welcher Subgruppe und damit welcher Zusatznutzenkategorie ein Patient zuzuordnen sei, „lehnen wir strikt ab“, sagte KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister kürzlich bei einer internen Verbändeanhörung zur AIS-Verordnung im Bundesgesundheitsministerium. Bereits 2018 hatte die KBV bestimmte Elemente im AIS erstmals kritisiert. Grundsätzlich seien die Neuerungen jedoch zu begrüßen.

Auch der Verband forschender Arzneimittelhersteller hegt Bedenken, weil das geplante AIS die Leitlinien der Fachgesellschaften nicht miteinbeziehe: „Die Entscheidung eines Arztes für oder gegen die Verordnung eines Arzneimittels beruht auf mehr als nur der Zusatznutzenbewertung“, sagte dessen Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer. Die Zusatznutzenbewertung sei als Preissteuerungsinstrument konzipiert worden, nicht als Instrument der Versorgungssteuerung. Allein „Informationssplitter“ würden den Ärzten im ohnehin schon von Bürokratie belasteten Praxisalltag nicht weiterhelfen und könnten „schlimmstenfalls sogar zum Schaden der Patienten in die Irre führen“, meinte Fischer gegenüber dem Ärzteblatt (23.10.2018).

Der Entwurf zum AIS sieht unter anderem vor, welche Mindestangaben zu nutzenbewerteten Arzneimitteln in der Praxissoftware enthalten sein müssen. So sollen Vertragsärzte über die teilweise komplexen Beschlüsse des Gemeinsamen Bundesauschusses (G-BA) zur frühen Nutzenbewertung besser als bisher informiert werden. Ziel ist laut BMG, dass Ärzte häufiger als bisher Medikamente verordnen, denen der G-BA einen Zusatznutzen gegenüber der Standardtherapie bescheinigt. Der vorliegende Verordnungsentwurf sieht deshalb vor, dass die in der Praxissoftware enthaltenen Programme zur Arzneimittelverordnung künftig neben Angaben über den Wirkstoff und das zugelassene Anwendungsgebiet auch Informationen über die Patientengruppen enthalten, für die Aussagen zum Zusatznutzen vorliegen. Außerdem müssen laut neuer geplanter Vorschrift die bewerteten Arzneimittel einem Krankheitsgebiet nach ICD-10-GM zugeordnet werden. Das erleichtere die Verlinkung zu medizinischen Leitlinien, heißt es in der Begründung zum Verordnungstext.

Damit die Informationen über die G-BA-Beschlüsse einen Mehrwert für den Arzt darstellen sollen, dürften die abzubildenden Inhalte nicht überfrachtet sein, betonte die KBV. Sie forderte deshalb in ihrer Stellungnahme, sich auf praxisrelevante Informationen zu beschränken. Nur so könnten diese den Arzt bei seiner Therapieentscheidung unterstützen. Die KBV befürchtet durch die bisher vorliegende AIS-Lösung zudem „einen höheren Regressdruck und mehr Bürokratie“. Ferner lehnt sie die Angabe und monatliche Aktualisierung der Jahrestherapiekosten des bewerteten Arzneimittels sowie der zweckmäßigen Vergleichstherapie ab. Sie gäben die tatsächlichen Ausgaben der Krankenkassen pro Patient nicht wieder und seien damit zu einer Beurteilung der Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit der Verordnung durch den Vertragsarzt nicht geeignet, „gerade auch vor dem Hintergrund der praktizierten Mischpreisbildung“. So würden bei der Vereinbarung eines Erstattungsbetrags zwischen GKV-Spitzenverband und den pharmazeutischen Unternehmen meist auch Aspekte wie eine mengenbezogene Staffelung oder ein jährliches Gesamtausgabenvolumen berücksichtigt. Die KBV wies zudem darauf hin, dass es Vereinbarungen mit den Kassen gibt, in denen die Höhe des Erstattungsbetrags an den noch ausstehenden Nachweis eines Mortalitätsvorteils geknüpft sei. Bei Ausbleiben seien Rückzahlungen an die Krankenkassen vereinbart. Doch die Vertragsärzte könnten nicht für Therapiekosten haftbar gemacht werden, so KBV-Vize Hofmeister.

Auch sollten die Vertragsärzte die Mehrkosten für neue Praxissoftware nicht alleine tragen müssen, warnte die KBV und sieht hierbei auch die Kassen in der Pflicht. Die Vorgaben für die Verordnungssoftware, die sich aus gesetzlichen Neuregelungen ergeben, werden von den rund 80 von der KBV zertifizierten Softwareanbietern in unterschiedlicher Qualität und Nutzerfreundlichkeit umgesetzt. Ärzte sollte, so die KBV ferner, möglich sein, den Anbieter ihres vorhandenen AIS wechseln zu können. Hierfür schlägt die KBV eine Schnittstelle in der Praxisverwaltungssoftware vor. Mindestens aber sollte die Frist zur Umsetzung der Vorgaben für das AIS mit der Umsetzungsfrist für die Integration der Schnittstelle aufeinander abgestimmt werden. Letztere Frist endet am 30. Juni 2020. Die vorgesehene Einführung des AIS geht auf das Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz zurück, das im Mai 2017 in Kraft trat.

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