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Der ‚vergiftete Apfel‘ Wirkstoffverordnung

Nein, die Verordnungshoheit ist und bleibt ärztliches Privileg, denn die therapeutische wie auch die wirtschaftliche Verantwortung bleibt auf ärztlicher Seite.

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Es klingt so verführerisch: „Wir empfehlen daher – soweit möglich und sinnvoll – eine reine Wirkstoffverordnung vorzunehmen (ohne Produktname), da es bei Wirkstoffverordnungen keinen Preisanker gibt.“ Dies ist die praktische Empfehlung der KVHH (veröffentlicht am 16.07.19 auf www.kvhh.net), stellvertretend zitiert auch für andere KVen, auf die neue Herausforderung Preisanker.

Clara Fall

Dr. Klara Fall, niedergelassene Allgemeinärztin:
Dieser Satz hätte auch von mir kommen können… Verantwortung ans System abgeben, bedeutet auch eine Entwertung ärztlichen Wirkens.

„Preisanker – was ist das?“, mag man sich in der Ärzteschaft fragen, denn dieses neue Regelungsinstrument wurde auf ganz anderer Ebene eingeführt und sollte entsprechend nichts mit der ärztlichen Praxis zu tun haben. Spitzenverbände der Apotheken und Krankenkassen haben zum 01. Juli 2019 einen neuen Rahmenvertrag über die Arzneimittelversorgung nach §129, Absatz 2 SGB V geschlossen, in dem es weiterhin primär um die Regelungen zur Einlösung von GKV Verordnungen geht. Und es wirkt wie ein kleines Geschacher: auf der einen Seite die Reduzierung der Retax-Gefahr für die Apotheker*innen bei Befolgung der Regeln, auf der anderen Seite das ausgehandelte Zugeständnis, indirekt eine neue Preisobergrenze einzubauen. Der Listenwert des auf dem Rezept vom Arzt bestimmten Arzneimittels darf jetzt bei der Abgabe nicht mehr überschritten werden. Klingt unbedenklich, denn weiterhin ist Rabatt Trumpf und „sticht (mit dieser Grundregel) alles“.

Doch es gibt ganz praktische Probleme, die wohl allgemein unterschätzt wurden und jetzt in der täglichen Arbeit für zusätzlichen Aufwand sorgen. Auslöser sind die stark vermehrten Lieferausfälle. Erst dadurch hat die Apotheke ein Umsetzungsproblem, denn wenn die (bis zu drei) Rabattanbieter ausfallen, reduziert sich die Zahl der erlaubten Alternativen.

Rückfragen in den Arztpraxen sind die Folgen, ungewisse Abstimmungen über Rezeptanpassungen sind die Konsequenz. Den Ärger auf beiden Seiten nicht zu vergessen. Kein Wunder, dass auch Apotheken-Lobbyisten wie Chefredakteur Prof. T. Dingermann von der Pharmazeutischen Zeitung ins Horn blasen und eine „neue Chance“ für die Wirkstoffverordnung sehen und „für die Ärzte immense Vorteile“ (Editorial zur Ausgabe vom 15.08.19). Als Hauptvorteil (für Ärzte) nennt er den Übergang der Kostenverantwortung, die damit „ausschließlich bei den Apotheken und den Krankenkassen“ läge. Er nutzt die Chance, den Ärzten etwas abzuringen, was ohnehin nur noch symbolische Bedeutung habe, denn – und da ist seine Argumentation tatsächlich sachlich kritisch – das Beharren darauf, „im Regelfall ein Fertigarzneimittel zu verordnen“ würde nur äußerst selten mit der Konsequenz des Ankreuzens des Aut-idem-Feldes bestärkt.

Und in der Tat sehen auch viele Ärztinnen und Ärzte die Unbestimmtheit ihrer Verordnungen unkritisch. Hier treffen Vereinfachungsgründe auf Grundfeste der ärztlichen Freiberuflichkeit. Die Egalisierung schreitet voran. Arzneimittel sind vermeintlich sowieso alle gleich, da ist es auch egal, was die Patienten erhalten. Nein, die Verordnungshoheit ist und bleibt ärztliches Privileg, denn die therapeutische wie auch die wirtschaftliche Verantwortung bleibt auf ärztlicher Seite. Verantwortung ans System abgeben, bedeutet auch eine Entwertung ärztlichen Wirkens.

Ein anderer Weg, dieser besonderen Verantwortung gerecht zu werden, wäre, bewusst zu verordnen, und z. B. ein Kreuz zu setzen, wenn die Patienten-Konstellation es sinnvoll macht. Und für das Preisanker-Dilemma gibt es auch eine Lösung: immer das teuerste Medikament (unterhalb des Festbetrages) wählen. Vielleicht ein kleines Zeichen von Aufwertung, es täte dem Gesundheitssystem sicher gut. Der Akt der Verordnung bleibt eine ganz persönliche Entscheidung für die Patienten. Diese darf nie egal werden.

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