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Das Comeback der Landärzte

Das Interesse des ärztlichen Nachwuchses an einer selbstständigen oder angestellten Niederlassung in ländlichen Regionen nimmt zu.

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Eine ärztliche Präsenz direkt im Ort ist für viele ländliche Gemeinden und ihre Bewohner in der Umgebung zur Überlebensfrage geworden. Größere Dörfer mit 2.000 Einwohnern und mehr warten nicht mehr so lange, bis ihre angestammten Landärzte in den Ruhestand gehen oder neue gesucht werden müssen. Präventive Maßnahmen sichern heute die Fortexistenz von Arztsitzen. So realisieren sich in Landgemeinden seit einigen Monaten verstärkt kleine ärztliche Zentren bzw. Medizinische Versorgungszentren mit unterschiedlicher, meist kommunaler Trägerschaft, in denen Hausärzte unter einem Dach im Team und auf Wunsch zunächst angestellt arbeiten können. Damit entstehen Einheiten, die vor allem auch den Wünschen der jüngeren Ärztegeneration entsprechen. Die Ärztegenossenschaft Nord eG (äg Nord) zum Beispiel entwickelt und betreut erfolgreich solche Konzepte der Patientenversorgung. Gleichzeitig ist festzustellen: Das Interesse des ärztlichen Nachwuchses an einer selbstständigen oder angestellten Niederlassung in ländlichen Regionen nimmt zu – dank bundesweit vielfacher Bemühungen seitens der Gesundheitspolitik, von Ärztebündnissen, von den kommunalen Ebenen und den medizinischen Universitäten.

Der Verwirklichung der neuen Praxis-Konzepte kommt entgegen, dass dafür Gemeinden und öffentliche Förderprojekte finanzielle Unterstützung leisten. So erhalten Ärzte und Praxisverbünde, die sich in der Fläche und nicht in den Städten niederlassen, in vielen Bundesländern Fördergelder vom jeweiligen Bundesland und der zuständigen KV. Auch die Kommunen engagieren sich bei der Finanzierung, denn schließlich geht es beim „Arzt im Dorf“ nicht allein um Prestige, sondern um die Attraktivität einer Gemeinde in punkto Ansiedlung und Landflucht-Stopp.

Zweiter Pluspunkt sind finanzielle Unterschiede mit oft deutlich höheren erzielbaren Honorarumsätzen der auf dem Land tätigen Vertragsärzte: So erlösten im Jahr 2016 laut einem Honorar-Bericht der KBV die Hausärzte im Bundesschnitt knapp 218.000 Euro, im infrastrukturell eher schwachen Thüringen waren es dagegen gut 274.000 Euro. Tendenziell kann sich die Niederlassung als Landarzt also lohnen. Das ergibt sich laut KBV-Analysen aus dem Kostenniveau in den ländlichen Regionen, gemessen an sozialversicherungspflichtigen Bruttoarbeitsentgelten und durchschnittlichen Kaltmieten. So sind die Unterschiede gegenüber Gesamtdeutschland innerhalb der Regionen der KVen groß: Im bundesweiten Vergleich gestaltet sich das Kostenniveau in Sachsen-Anhalt um rund 30 Prozent günstiger als die Durchschnittskosten in Deutschland. Auf Platz zwei und drei folgen Sachsen (26 Prozent) und Thüringen (24 Prozent). Besonders schlecht steht es dagegen um das Kostenniveau in Hamburg, das mit -27 Prozent Abweichung vom Durchschnittswert bundesweites Schlusslicht ist. Auch Berlin (-17 Prozent) und Baden-Württemberg (-15 Prozent Abweichung) zeichnen sich durch überdurchschnittlich hohe Kosten für Arztsitze aus. Basis für die Berechnungen sind die beiden wichtigen Indikatoren Lohnniveau und Kaltmieten.

Die Kosten spielen somit eine wichtige Rolle für die Niederlassung von Haus- bzw. Landärzten. Selbstverständlich muss das persönliche Umfeld stimmen, wie z. B. Angebote für die Familien sowie Kultur-und andere Freizeitmöglichkeiten. Um ärztliches „Landleben“ sozusagen live kennenzulernen, organisiert seit 2014 eine Gruppe bayerischer Hausärzte das Projekt „Landarztmacher“. Dabei können sich während den Semesterferien oder in ihrer Praktikumszeit Medizinstudenten im Bayerischen Wald die Aktivitäten als Landarzt hautnah erleben, um sich ein Bild von der Arbeit zu machen und vielleicht Gefallen daran zu entwickeln. Bisher haben bereits mehr als 200 Medizinstudierende am Projekt namens „Exzellenter Sommer“ (www.landarztmacher.de) teilgenommen. Sie betreuen dabei weitgehend selbstständig die Patienten in Praxen und Krankenhäuser der dörflichen Regionen. Organisiert und begleitet wird das Konzept von den Ärzten Dr. Wolfgang Blank (Kirchberg im Wald), Dr. Martin Kammerl (Zwiesel), Dr. Jana Riedl (Zwiesel) und Dr. Martin Müller (Hof), unterstützt von der AOK Bayern sowie von Gemeinden und Wirtschaftsbetrieben in der Region. 44 Praxen und Kliniken beteiligten sich bisher. Neben allgemeinmedizinischen Praxen sind das Kinderärzte, Chirurgen, Anästhesisten und Urologen. Die jungen Interessenten kommen aus ganz Deutschland, aus den Niederlanden und Österreich in den Bayerischen Wald.

Ausgangspunkt für das Programm war die Überzeugung der Initiatoren, dass die meisten jungen Ärzte grundsätzlich die Arbeit auf dem Land zwar schätzen, aber zu viele Hindernisse auf dem Weg dorthin erleben. In der Betreuung im Rahmen des Programms bieten die beteiligten Ärzte den Studierenden Ausbildungsinhalte, die im regulären Studium und in der routinemäßigen Weiterbildung nicht angeboten werden können. Vermittelt wird gleichzeitig die Freude an der ärztlichen Tätigkeit auf dem Land. So bietet neben der vierwöchigen Intensiv-Famulatur die Arbeit in der Praxis und in Kliniken der Region auch direkten Einblick in den Alltag von Landärzten. Die künftigen Mediziner erleben, wie die Ärztinnen und Ärzte ihre Berufsausübung mit dem Familien- und Freizeitleben vereinbaren.

Erst kürzlich forderte die schleswig-holsteinische Wissenschaftsministerin Karin Prien eine Aufwertung des ländlichen Raums, um die Tätigkeit als Landarzt attraktiver zu machen. Und im Flächenland Brandenburg überreichten im September 2019 Gesundheitsministerin Susanna Karawanskij (Linke) und der Chef der KV Brandenburg, Dr. Peter Noack, die ersten 41 Stipendien, wobei sich Medizinstudierende nach ihrem Studium verpflichten, mindestens fünf Jahre lang als Arzt in Brandenburg zu arbeiten. Dabei überstieg die Zahl der Bewerber um die Stipendien das Angebot. Insgesamt waren nämlich 61 Anträge eingegangen.

In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz wurden inzwischen sogenannte Landarzt-Quoten eingeführt. Dabei wird von jährlich bis zu zehn Prozent der Medizinstudienplätze für künftige Ärzte auf dem Land zur Verfügung stehen. Geregelt wird die Quote z. B. im „Landesgesetz zur Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung in ländlichen Regionen des Landes Rheinland-Pfalz“. Die Bewerber müssen sich vor Studienbeginn auf die Tätigkeit als Allgemeinmediziner in ländlichen Gebieten festlegen. Nach erfolgreichem Studium und abgeschlossener Weiterbildung sind sie verpflichtet, als Hausarzt für zehn Jahre in einer Region in RLP tätig zu sein, die medizinisch unterversorgt oder davon bedroht ist. Der Vorteil für diese Studierenden: Sie erhalten sofort nach den Abschlüssen eine sichere und dauerhafte Arztstelle, während sich andere auf eine oft längere Suche begeben müssen.

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