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Telemedizin auf dem Vormarsch

Gleichzeitig wird immer wieder verdeutlicht, dass es bei der Telemedizin nicht darum geht, die Ärzte zu ersetzen.

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Telemedizinische Projekte sind seit Lockerung des Fernbehandlungsverbots, wie auf dem 121. Deutschen Ärztetag 2018 beschlossen, innerhalb der vernetzten Ärzteschaft auf dem Vormarsch. Die Telemedizin sei ein guter Lösungsansatz besonders für die Versorgung im ländlichen Raum, betonen die Sprecher ärztlicher Organisationen und Bündnisse. Gleichzeitig wird immer wieder verdeutlicht, dass es bei der Telemedizin nicht darum geht, die Ärzte zu ersetzen. Aber es gehe darum, diese im Praxisalltag zu unterstützen und die Konsultationen für bestimmte Patienten zu erleichtern.

Zum Beispiel haben das Praxisnetznetz MuM (Medizin und Mehr) in Bünde und die Betriebskrankenkassen Ostwestfalen-Lippe kürzlich die Voraussetzungen für Telemedizin und Telekonsile in ihrer Region geschaffen. Dafür wurde der OPTI-MuM Vertrag, einer der ältesten Selektivverträge in Deutschland, um zwei Module erweitert. Das teilte Juliane Schultz mit, die Pressereferentin der Agentur deutscher Arztnetze e.V. (AdA). MuM ist AdA-Mitglied. Die TeleVisite ermöglicht es Patienten direkt mit ihrem Arzt zu kommunizieren, ohne dafür extra die Praxis aufsuchen zu müssen. Versicherte der BKKn Ostwestfalen-Lippe die bereits an Versorgungsvertrag „OptiMuM“ teilnehmen, können die Zusatzleistungen ab sofort und ohne Mehraufwand in Anspruch nehmen. Bei der TeleVisite setzt sich der Patient mit seinem Arzt zunächst telefonisch in Verbindung. Dabei wird abgeklärt, ob ein persönlicher Besuch erforderlich ist. Besteht dafür keine Notwendigkeit und ist der Patient bereits in der Praxis bekannt, wird ein Termin für die Videokonferenz mit dem Arzt vereinbart. Zugangsdaten und der entsprechende Link werden elektronisch versandt.

Zur angegebenen Uhrzeit wählen sich die Patienten direkt in die Videokonferenz ein und sprechen am Bildschirm oder Smartphone direkt mit ihrem Arzt. Auch kann die elektronische Gesundheitskarte (eGK) über die Kamera eingescannt werden. In der Videokonferenz bietet der Arzt beispielsweise Beratungsleistungen an oder er kann Sichtprüfungen von Wunden vornehmen. Auch der Verlauf hochansteckender Infektionskrankheiten, die sich im Wartezimmer schnell auf andere Patienten übertragen, können auf diese Weise vom Arzt beurteilt werden. Zudem können onkologische Patienten mit schwachem Immunsystem durch das telemedizinische Verfahrens ggf. zukünftig zu Hause bleiben. Rezepte und AU werden dann von Angehörigen in der Arztpraxis abgeholt. Auch während Urlaubs- oder Geschäftsreisen können Gespräche mit dem eigenen Arzt geführt werden, um so sprachliche Barrieren im Ausland zu umgehen und dem Patienten die bestmögliche Beratung zu bieten.

Mit dem zweiten Modul TeleKonsil kann der behandelnde Arzt bei besonderen Fragestellungen per Videokonferenz einen zweiten Experten hinzuzuziehen, um z. B. Befunde abzuklären. Die gemeinsame Versorgung von Patienten ist Bestandteil dieses Moduls. Wünscht der behandelnde Arzt eine interdisziplinäre Fallbesprechung, so werden mittels Videokonferenz Ärzte anderer Fachrichtungen hinzugezogen. Anwendungsbereiche sind Fälle in denen eine Sichtprüfung erfolgt, wie Hautkrankheiten oder Wund-Kontrolle. In diesen Fällen reichten Telefonkonferenzen in der Vergangenheit oftmals nicht aus. TeleKonsil ermöglicht nun das Videogespräch in HD-Qualität, das zugleich den sicheren Austausch medizinischer Dokumente ermöglicht. Damit die Informationen geschützt bleiben, findet die Videokonferenz stets in einer gesicherten Umgebung statt. Die technischen Voraussetzungen erfüllt das Praxisnetz MuM Bünde, da dieses ein zertifiziertes System in Pilotphasen erprobt hat. Die Datensicherheit entspricht dem neuesten Stand der Technik.

Auch in weiteren Arzt- und Praxisbündnissen sind neue telemedizinische Versorgungskonzepte in Arbeit oder bereits im Einsatz. So wurde z. B. vor einem Jahr (August 2018) von der Ärztegenossenschaft Nord eG (ÄGN) die Erprobung einer Videokonsultation im Bereich der Augenheilkunde vorgestellt. Initiiert von der Techniker Krankenkasse wird das Projekt zusammen mit der ÄGN, der Gesellschaft für integrierte ophthalmologische Versorgung (GIO), dem Hausärzteverband Schleswig-Holstein und dem Institut für Allgemeinmedizin am UKSH (Campus Lübeck) umgesetzt. Ziel ist es den frisch operierten Patienten lange Fahrtwege und Wartezeiten zu ersparen und gleichzeitig die Arbeitszeit der Ärzte möglichst effizient zu nutzen. Auch sammelte die ÄGN im Ärztezentrum Büsum Erfahrungen mit telemedizinischen Anwendungen in Form des Tele-Rucksacks. Die Anschaffung wurde durch die Robert Bosch Stiftung gefördert. Der Rucksack wird seit Januar 2018 von nicht-ärztlichen Praxisassistentinnen (NäPAs) eingesetzt, um insbesondere älteren Patienten strapaziöse Praxisbesuche zu ersparen. Mit Hilfe des Tele-Rucksacks können Vitaldaten erfasst und direkt zur Bewertung in die Praxen übermittelt werden. Für Hausärzte bedeutet das eine merkliche Entlastung durch wegfallende Hausbesuche und dementsprechend mehr Zeit in der Praxis.

Einer der Vorreiter des telemedizinischen Hausbesuchs ist der Haus- und Rettungsarzt Dr. Thomas Aßmann aus dem westfälischen Lindlar. Er, der auch Geschäftsführer der TAG Telearzt GmbH ist, hat das inzwischen in mehreren Bundesländern angewandte Konzept entwickelt. Dabei übermitteln speziell geschulte MFA die erfassten Vitalparameter in die Praxis. Bei Bedarf kann der Hausarzt selbst per Telekonsil hinzugeschaltet werden, um über die nächsten Schritte zu entscheiden. Auch Fachärzte können, wie beim MuM-Konzept, per Videokonferenz teilnehmen.

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