Ärztenetze

Die ärztliche regionale Vernetzung gewinnt deutlich an Gewicht

Das Zusammenwirken der Ärzteschaft könne Versorgungslücken schließen und nachhaltig die multiprofessionelle Vernetzung der Gesundheitsversorgung sichern.

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Ärzte- und Praxisnetze gewinnen in der gesundheitspolitischen Landschaft immer stärker an Gewicht. Gleich welcher Organisations- und Geschäftsform steht die vernetzte Ärzteschaft in ihren jeweiligen Regionen bereit, aktuell anerkannte Versorgungsangebote zu sichern oder neue zu entwickeln. So haben jüngst einige KVen die Forderung der 91. Gesundheitsministerkonferenz der Länder (GMK) begrüßt, die Rolle der Praxisnetze zu stärken. Zum Beispiel betonte die KV Westfalen-Lippe, dass sich „die Arztnetze als Multiplikatoren guter Ideen zur Verbesserung der ambulanten Versorgung bewährt haben“. Allein im Bereich der KV Westfalen-Lippe (KVWL) sind inzwischen 21 Netze anerkannt und damit förderungswürdig.

Die GMK hatte Ende Juni auf ihrer Konferenz in Düsseldorf einstimmig beschlossen, „das Bundesministerium für Gesundheit zu bitten, die Rahmenbedingungen für die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung durch eine Stärkung der Arztnetze, die nach § 87 b Abs. 4 SGB V zertifiziert sind, zu verbessern“. Insbesondere „sollte es Praxisnetzen, vor allem solchen, die in unterversorgten Gebieten tätig sind und die von einer KV anerkannt worden sind, ermöglicht werden, Arztsitze zu erwerben sowie Ärztinnen und Ärzte oder anderes medizinisches Personal anzustellen“. Das ist bedeutet gleichzeitig ein Votum zur Gründung von MVZ, so auch für solche, die von genossenschaftlich basierten Netzen gegründet werden könnten. Insofern sollten die MVZ-Pläne der MEDICUS Eifler Ärzte eG umgesetzt werden können (vgl. MEDICUS Eifler Ärzte eG erhält keine Zulassung für MVZ-Trägerschaft). Dort entscheidet der Zulassungsausschuss erneut Ende September über die zunächst abgelehnte MVZ-Gründung der Ärztegenossen.

Die 16 Gesundheitsminister/innen signalisierten zudem, dass „Kooperation und Zusammenarbeit künftig gerade bei der Sicherstellung der medizinischen Versorgung auf dem Land eine wichtige Rolle spielen“. Das Zusammenwirken der Ärzteschaft könne „Versorgungslücken schließen und nachhaltig die multiprofessionelle Vernetzung der Gesundheitsversorgung sichern. Auch Bundegesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat inzwischen die Bedeutung von Ärztenetzen für die medizinische Versorgung hervorgehoben: „Wir brauchen innovative und durchdachte Lösungen, damit sich die Menschen in ländlichen Regionen auch in Zukunft auf eine gute Versorgung verlassen können“, sagte der Minister kürzlich beim Brandenburger Expertengespräch zum Thema „Ärztenetze der Zukunft – Perspektiven für Trägerstrukturen von Gesundheitszentren im ländlichen Raum“. Mehr Zusammenarbeit und eine bessere Vernetzung seien „die richtigen Antworten für eine effiziente und umfassende medizinische Versorgung“, so Spahn.

Beim Expertengespräch wurden aktuelle Projekte von Netzen als Beispiele für erfolgreiche Versorgungsarbeit hervorgehoben:

  • Das seit 2004 bestehende Ärztenetz Südbrandenburg (ANSB GbR) in Finsterwalde gründete bereits 2012 ein eigenes MVZ. Dieses stellte sich 2015 mit der KV COMM als einer hundertprozentigen KV-Tochter neu auf und initiierte bisher mehrere Projekte, wie die Nachbesetzung von Landarztpraxen und den Aufbau eines Weiterbildungsnetzwerks für Mediziner.
  • Im Nordosten hat die AOK das Projekt „Haffnet“ (haffnet-online.de) zusammen mit einem Ärztenetz und zwei Kliniken gestartet. Damit sollen reibungslose Versorgungsübergänge und mehr Arzneimitteltherapiesicherheit für zunächst rund 8.000 Versicherte geschaffen werden. Die Teilnahme am Projekt steht allen Akteuren im Gesundheitswesen, auch anderen Krankenkassen frei.
  • Die Pflege bezieht das seit 2008 bestehende Netz „solimed“ (solimed.de) ein, das sich als größten Anwender einer elektronischen Patientenakte in Deutschland bezeichnet. 25.000 Patienten nehmen daran teil. Mit dem „ePflegebericht“ testet solimed ein sektorenübergreifendes Versorgungsmanagement für pflegebedürftige geriatrische Patienten. Das Land fördert das Projekt mit 4,8 Millionen Euro.

Jüngst sprach die Agentur deutscher Arztnetze mit Dr. Veit Wambach an der Spitze auf einer gemeinsamen Netzkonferenz mit der KBV die Erwartung aus, dass die Netze in dieser Legislaturperiode von der Gesundheitspolitik noch mehr Rückendeckung erfahren. Nach einem Gespräch mit Bundesgesundheitsminister Spahn sei jedenfalls davon auszugehen, „dass Arztnetze mehr Verantwortung für die Versorgung in strukturschwachen Regionen übertragen bekommen könnten“, meinte Wambach. Er warnte jedoch vor einem festgeschriebenen Leistungserbringerstatus für Arztnetze. Denn es sei „nicht klar, welche Pflichten damit auf die Netze zukommen könnten.“ Die Netze sollten „ihre Forderungen darauf beschränken, selbst Ärzte anstellen und MVZ gründen zu dürfen“. Auch KBV-Vorstand Dr. Thomas Kriedel sprach sich gegen zu schnelle Entscheidungen in Richtung Leistungserbringerstatus für die Arztnetze aus. Und Dr. Andreas Lipécz vom Nürnberger Ärztenetz QuE wies darauf hin, dass Arztnetze Zusammenschlüsse selbstständiger Freiberufler seien. Als Arbeitgeber für Ärzte sollten Netze nur dann handeln, wenn es die Perspektive gebe, dass sich die Angestellten nach einer überschaubaren Zeit ebenfalls niederlassen.

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