Ärztenetze

äg Nord kritisiert die Nichtverfügbarkeit von Medikamenten

Fast täglich können die Apotheken selbst banale Medikamente wie Ibuprofen oder Aspirin nicht liefern.

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Die Ärztegenossenschaft Nord eG (äg Nord) äußert sich kritisch über die Gründe, warum das eine und andere Medikament nicht lieferbar ist. Aktuell sind von der Negativ-Auskunft in der Apotheke mehr als 500 Arzneimittel betroffen. „Die Ursachen für diesen Versorgungsskandal sind nicht hinnehmbar“, beklagt Dr. Svante Gehring, 1. Sprecher der äg Nord, die Situation in einer Presseinformation vom 11.07.2019. Gehring, Hausarzt in Norderstedt, weiß wovon er spricht. Fast täglich können die Apotheken selbst banale Medikamente wie Ibuprofen oder Aspirin nicht liefern.

Die äg Nord betreibt selbst ein kleines, spezialisiertes Arzneimittelunternehmen, die Q-Pharm AG, und kann daher sehr konkret in die Verwerfungen des deutschen Pharmamarktes hineinschauen. Arzneimittel sind keine alltäglichen Verbrauchsgüter und dennoch unterliegen Herstellung und Vertrieb im Wesentlichen einer kaufmännischen, marktbezogenen Steuerung. Die Zielsetzung ist laut Svante Gehring klar: Das einzelne Arzneimittelunternehmen muss wirtschaftlich leben können, um seine vielfältigen und hohen Qualitäts- und Sicherheitsansprüche in vollem Umfang zu erfüllen. Die Schaffung des Generikamarktes folgte der Idee, dass nach einer gewissen Schutzfrist die hohen Entwicklungskosten für ein Arzneimittel erwirtschaftet sein müssten und dann nur noch die reinen Produktionskosten als Bezugsgröße für eine marktwirtschaftlich orientierte Preisfindung dienen sollen.

Zusätzlich hat aber der deutsche Staat durch entsprechende Gesetze ein starres Preisaufschlagsmodell geschaffen, da Großhändler und Apotheker festgeschriebene Aufschläge kalkulieren müssen, ganz zu schweigen von der Mehrwertsteuer mit 19 Prozent. Die vor über zehn Jahren ins Spiel gebrachten „Rabattverträge“ mit den Krankenkassen sind ein verzweifeltes Bemühen, steigende Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen. Teilweise global agierende Großkonzerne haben bis zu 90 Prozent Rabatt auf gängige Generika mit großem Marktanteil angeboten. In diesem Kampf kann der gesunde Mittelstand nicht mithalten. Die Refinanzierung solcher „Scheingeschäfte“ erfolgt dann über das komplizierte Recht der Umsatzsteuerrückerstattung, also aus dem Portemonnaie des Steuerzahlers.

Die Produktion solcher stark rabattierten Arzneimittel muss zwangsläufig immer billiger erfolgen. Daraus wächst der Druck, die Produktion in Niedriglohnländer zu verlagern und zu konzentrieren. Wenn dann eine ganze Produktionscharge eines Grundstoffes wegen Qualitätsmängeln oder aus anderen Gründen ausfällt, kommt es unweigerlich zu einer ernsten Verknappung oder sogar Lieferunfähigkeit. Oft dauert es dann fünf und mehr Monate, bis fertige und geprüfte Arzneimittel wieder ausreichend zur Verfügung stehen.

Die ursprüngliche Versorgungssicherheit in Deutschland war das Ergebnis eines gesunden Wettbewerbs, in dem der einzelne Anbieter auch dann schon ausreichend Gewinn machen konnte, wenn er nicht die gesamte Produktionsmenge verkauft hat. Den Puffer namens Rabattverträge „haben wir alle mitfinanziert, und wie sich jetzt zeigt, aus gutem Grund“, so Christoph Meyer, Vorstand der Q-Pharm AG. Denn die Behauptung, Rabattverträge stärkten den Wettbewerb, habe sich „als grober Unfug erwiesen“. Die entstandenen „oligopolistischen Verwerfungen am deutschen Pharmamarkt werden in Zukunft noch weit schlimmere Folgen generieren, insbesondere wenn die Hamsterkäufe aus Großbritannien wegen des bevorstehenden Brexits voll durchschlagen“.

Laut Meyer liegt die Verantwortung für den fehlgeleiteten Wettbewerb bei den zuständigen Politikern. „Sie haben eine weltfremde Betrachtungsweise für einen wichtigen Teil der Daseinsvorsorge für die Menschen in unserem Land und sprechen dem Arzneimittelmarkt ungerechtfertigt jegliches Recht auf marktwirtschaftliches Agieren ab“. Die äg Nord werde das Geschehen weiterhin kritisch beobachten und kommentieren.

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